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Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern von Joachim Bauer

Zoom Produkt-Bild: Das Gedächtnis des Körpers: Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern
Taschenbuch von Piper
Preis bei Amazon: EUR 9,95

4,5 von 5 Punkten 4,5 von 5 Punkten (durchschnittliche Bewertung)
ISBN: 3492241794, Erscheinungsdatum: Sept. 2004, Auflage: 13

5 Kundenrezensionen:

Alter Wein in neuen Schläuchen
2 von 5 Punkten 2 von 5 Punkten
Es ist schon klar, dass jeder Verkäufer seine Ware lobt und für seine Produkte die Trommel rührt. Und so rückt auch Bauer die Forschungsergebnisse der Hirnforscher und Neurobiologen ins Scheinwerferlicht. Daran ist auch nichts auszusetzen, denn schließlich wollen wir ja wissen, was die Forscher aus der jungen Neurowissenschaft zu den alten Fragen zu sagen haben. Was aber unangenehm auffällt, ist das Marktschreierische dieser Inszenierung. Nicht alles was in "jüngster Zeit" von einem Post-Doc einer amerikanischen Provinzuni erforscht wurde, ist wirklich neu.

Da zitiert Bauer zwar einen Rudolph Nesse von einer Ann Arbor University in Michigan der herausgefunden haben will, dass in der Depression oft ein verborgener Hilfsappell versteckt liegen soll. Und erwähnt mit keiner Silbe, dass sich der große Klassiker von Martin Seligman genau mit dieser Thematik eingehend beschäftigt hat. Und im Kapitel über Borderline werden zwar unzählige amerikanische "Traumaspezialisten" erwähnt (von denen ich die meisten nicht einmal dem Namen nach kenne), aber kein einziges Mal Otto Kernberg. Nun kann man zu Kernberg stehen wie man will, aber wie soll man ernsthaft über Borderline sprechen, wenn man seine bahnbrechenden Arbeiten dazu ausklammert? Dasselbe gilt für die Beziehungstheorien im allgemeinen. Keine einzige Referenz auf Bowlby, auf Fairbairn, auf Stern. Nicht einmal ein Pseudo-Eintrag im Literaturverzeichnis.

Durch diese Ausklammerung der reichhaltigen psychoanalytischen Literatur zu den genannten Themen entsteht erstens der Eindruck, die vielen fleißigen Neurobiologen hätten gerade das Rad neu erfunden. Was schlicht falsch ist. Was aber noch viel schwerer wiegt: Was hier als "neu" verkauft wird, hat vielfach nicht einmal das Problemniveau der alten Theorien erreicht. Ich möchte das an zwei besonders markanten Punkten festmachen:

(1) Kausalität: Bauer operiert durchgängig mit einem zwar intuitiven, nichtsdestotrotz falschem Kausalmodell. Da wird angeblich eine (traumatische oder Beziehungs-) Erfahrung im limbischen System gespeichert, die dann die Bewertung aller Folgeerfahrungen (kausal) determiniert. Bizarrerweise hat gerade die Hirnforschung gezeigt, dass das Gedächtnis nicht wie ein simpler Computerspeicher funktioniert (Speichern - Abrufen), sondern eher wie ein Theater: keine Aufführung (Abruf des gespeicherten Stücks) gleicht der anderen. Erfahrungen, die bei der einen Aufführung gemacht werden, fließen in die nächste ein. Schauspieler können wechseln, Kulissen ausgetauscht werden, ganze Akte dazukommen oder wegfallen.

(2) Psychotherapie als Allheilmittel. Woher Bauer das naive Zutrauen in die Allmächtigkeit der Psychotherapie nimmt, ist mir schleierhaft. Gerade seine klinische Erfahrung müsste ihm ja zeigen, wie begrenzt oft die Möglichkeiten sind. Wie oft nichts erreicht wird.

(3) Medikalisierung: Nein, Herr Bauer. Die Psychotherapie ist keine "medizinische Wissenschaft" und war auch nie eine. Sie war immer eine Kombination aus philosophischen, sozial-seelsorgerischen, psychologischen und medizinischen Elementen und Traditionen. Ich halte die einseitige Medikalisierung nicht für einen Fortschritt. Ich halte es für wichtig und spannend, etwas über die neurobiologischen Prozesse im Hintergrund zu wissen. Aber wenn es um Beziehungsgestaltung und Aufmerksamkeit für aktuelle Prozesse geht, dann ist wohl die Medizin bestenfalls eine von mehreren Traditionen.

Joachim Bauer ist gerade unter Psychotherapeuten sehr beliebt. Und das ist kein Zufall. Das neurobiologische Kausalitätsmodell verschafft einem ganzen Berufsstand endlich eine Art wissenschaftlicher Legitimität. Diese wiederum ist unabdingbare Voraussetzung, um in den Leistungskatalog der Sozialversicherungsträger aufgenommen zu werden. Und warum sollte das nun schlecht sein? Schließlich werden auch Heilmassagen oder Kuraufenthalte bezahlt. Dagegen lässt sich nichts mehr sagen. Außer vielleicht der Sorge Ausdruck verleihen, dass Psychotherapie durch diese Rahmenbedingungen immer mehr von einem Befreiungs- zu einem Anpassungsdiskurs verkommen könnte.
Anspruchsvoll, verständlich - Ein Buch fast schon mit Kultstatus
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Thema dieses Buches ist: Wie und warum reagiert der menschliche Körper auf das, was Menschen in ihrer Umwelt erleben. "Umwelt" des modernen Menschen ist nicht mehr der Urwald oder die Steppe, sondern das soziale Umfeld: Arbeitskollegen, Familie, Partner, (für Patienten) Ärzte, (für Schüler) Lehrer usw..

Wer verstehen will, wie soziale Umwelt auf die Biologie einwirkt, wie und warum Depressionen, Traumafolgekrankheiten und psychosomatische Erkrankungen entstehen, der findet hier den richtigen Lesestoff. Das Besondere dieses Buches: Es bringt Neurobiologie und Psychologie auf einen Nenner.

Ein klasse geschriebenes Buch, informativ, auch für Leute in ärztlichen und therapeutischen Berufen, Krankengymnastinnen etc. (bei vielen in diesem Bereich hat das Buch inzwischen "Kultstatus").
lieber nicht
1 von 5 Punkten 1 von 5 Punkten
Journalistischer Stil - wenig Fachwissen und eine sehr schlechte Darstellung, die viele Fragen offenlässt und von der Fachwelt noch ungeklärte Fragen als beantwortet darstellt. Schade, da fehlt einfach die Grundlage.
Ein Standardwerk über den Zusammenhang von seelischer und körperlicher Gesundheit
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
"Das Gedächtnis des Körpers" ist eine auf solide Daten und gesicherte Erkenntnisse gestützte, zudem exzellent geschriebene und daher flüssig lesbare Zusammenfassung des derzeit verfügbaren Wissens über die Zusammenhänge von zwischenmenschlichen Beziehungserfahrungen und biologischer Gesundheit. Das Buch macht eindrucksvoll deutlich, dass der menschliche Körper nicht nur wahrnimmt, was in zwischenmenschlichen Beziehungen geschieht, sondern dass Erfahrungen im Körper auch eine biologische Spur hinterlassen. Das Buch ist ein Standardwerk, das nicht nur Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und Pflegekräften wichtige Informationen bietet, sondern auch Pädagogen, Eltern und "ganz normalen" Menschen".
Nicht die Gene steuern uns, sondern wir steuern selber unsere Gene
5 von 5 Punkten 5 von 5 Punkten
Was für ein spannendes Thema, das der Autor Prof. Dr. med. Joachim Bauer in diesem Buch darstellt, nämlich, daß die Gene nicht starr festgelegt sind und somit unser gesamtes Leben steuern, sondern daß wir selber unsere Gene regulieren können. Diese Genaktivierung unterliegt situativen Einflüssen und wird überwiegend nicht vererbt, d.h. bestimmte Erfahrungen, die wir machen, bilden im Organismus Reaktionsmuster aus und haben einen Einfluß darauf, wie die Regulation der Genaktivität sich in bestimmten Situationen verhält.

So werden gute zwischenmenschliche Beziehungen im Gehirn abgebildet und gespeichert und wirken sogar gegen seelischen und körperlichen Streß. Dort, wo sich die Quantität und Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen vermindert, erhöht sich auch das Krankheitsrisiko, da seelische Vorgänge in biologische Signale umgewandelt werden, welche an der Regulation der Genaktivität mitwirken. Wie Gene auf Streß reagieren und das Streß auch das Gehirn so schädigen kann, daß Nervenzellen absterben, wird in Kapitel 4 genau erläutert. Bei Todesgefahr oder extremen seelischen Qualen z.B. reagiert das Gehirn mit schweren Gedächtnisstörungen und einer Verminderung der Hirnsubstanz (War Sailor Syndrome, Concentration Camp Syndrome).

Das nächste Kapitel erklärt, wie äußere Situationen vom Gehirn bewertet werden und aus welchem Grund Menschen völlig unterschiedlich auf Streß reagieren. Das darauffolgende Kapitel widmet sich den Synapsen (Nervenzellen) und das der Auf- und Umbau der Nervenzell-Verschaltungen im Gehirn abhängig davon ist, was wir im zwischenmenschlichen Bereich erleben.

Ein Kapitel widmet sich dem Thema Depression: Wie sie entsteht, was eine Depression ist und wie sich eine Depression verselbständigen kann und was der Grund dafür ist, daß einige Menschen für eine Depression anfällig sind und andere wiederum nicht und wie man sie behandeln sollte. Welche körperlichen Auswirkungen Streß und Depression haben und welche Verbindungen hier bestehen, liest sich außerordentlich spannend. Genauso wie das Kapitel der körperlichen Risiken von Streß und Depression, nämlich der Immunabwehr und dem Tumorrisiko. Sehr gut fand ich auch den Teil bezüglich der Behandlung mit Psychopharmaka und den Auswirkungen auf die Gene, nämlich das nicht nur prägende Ereignisse, sondern auch solche Substanzen im Gehirn Gene aktivieren können, die nachhaltige Spuren hinterlassen, was ebenso für Drogen (auch für THC = Haschisch) gilt. Auch sehr spannend in diesem Zusammenhang ist das Thema der Medikamentenunverträglichkeit und der richtigen Dosis.

Was hinter Schmerzerfahrungen ohne organischen Befund steht, nämlich das hier bei Auftreten eines häufigen Reizes sich nicht nur die Synapsen des Nervenzellen-Netzwerkes, sondern auch das Netzwerk an sich, vergrößern und sich somit diese Reize verselbständigen, wird erläutert. Weitere Themen sind: PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) und die Narben in der Gehirnsubstanz", die durch ein Trauma ausgelöst werden; seelische und neurobiologische Folgen von Gewalt und Mißbrauch bei Kindern (Borderline-Störung, Dissoziation, wie Binge Eating); Körperliche Spuren bei Problemen am Arbeitsplatz (Burnout-Syndrom); Auswirkungen der Psychotherapie auf neurobiologische Strukturen, sowie eine Übersicht über die Wirkungsweise der Gene. Ein sehr spannendes und gut zu lesendes Buch, mit vielen neuen Einsichten. Unbedingt empfehlenswert!
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